Presse - Clowns...

Kölner Stadt-Anzeiger, 5.2.2001

Zurück

So wird Augusts Hut zertrampelt

Clownerien im "West-end-Theater"

 

 
 

Rainer Hartmann

Am Ende lachen die Zuschauer Tränen. Und die Clowns heulen erbärmlich. Das charakterisie~rt schon die Spannweite dieser heiteren und lustigen, witzigen undpfiffigen, aber auch nachdenklich machenden Stunde, die das Kölner Schauspiel jetzt in seinem West-end-Theater beschert.
Da wird auf die große Trommel gehauen, da wippt das spitze Clownshütchen, da wird auf dem schüsselhut des gar nicht immer dummen August herumgetrampelt, da wird ein Rätsel aufgegeben, dass man das Knacken der Nüsse zu hören glaubt. Vier Schauspieler spielen Clowns-Szenen. Dabei ist Ralf Harster der feine Weißclown, Bert Oberdorfer der August, Eduardo Bender dessen kleinere, aber nicht minder drollige Ausgabe, und Rudolf Zollner der Stallmeister, pardon "Sprechstallmeister", ein langer Herr mit furchterregend gekämmten schwarzen Haaren und abstehenden Augenbrauen.
In den Textvorlagen heißt der Herr Stallmeister meistens "Herr Loyal", und das kommt so: Bett Oberdorfer, der die acht Szenen für die Mini-Bühne im Schauspielhaus eingerichtet hat, wertet Clownsnummern aus, die der Franzose Tristan Remy aufzeichnete und herausgab. All diese kleinen Stücke, die vor 36 Jahren - von Marianne Kesting und Tankred Dorst ins Deutsche übersetzt - bei Kiepenheuer & Witsch inKöln erschienen, gehen zurück auf Nummern berühmter "echter" Clowns wie Dario Meschi, Francois Fratellini (20er Jahre), Alex Bugny, Robert Despard ((30er Jahre), Francois Bontemps, Nino Fabri (40er Jahre).
Mit diesen "klassischen" Vorlagen nähert das Theater sich einer seiner Quellen, der Spaßmacherei, dem Gaukelspiel. Man braucht kein Geheimnis daraus zu machen, dass solche Clownerien durchaus verwandt sind dem - überwiegend späteren absurden Theater. Wenn der Stallmeister das Spielenverbietet, darf man an Ionescos "Unterrichtsstunde" mit dem brutalen Professor denken, wenn die beiden Auguste in der Szene "Die zwei Bonbons" ihre kreatürliche Gescheitheit ausspielen, vielleicht sogar an Becketts "Godot". "Clowns, Clowns", wie das Programm


CLOWNS Bert Oberdorfer (links) und Ralf Harster

heißt, ist aber alles andere als ein Nachholkurs in Theatergeschichte. Es ist eine rasche Folge knapper, draller Begegnungsmomente. Mal sieht der selbstbewusste weiße Clown schlecht aus. Dann schmilzt dem August das Herz, weil sein Hut so arg zertrampelt worden ist. Und schließlich wird Rudolf Zollner gefesselt, weil - und hier hat das Team ein klein wenig Text hinzu erfunden - er als "Dezernent" das Spielen verbietet. Bert Oberdorfer , der viele vertraute Clownsgesten und töne auf seine durchaus persönliche Weise vorführt, schlägt trotzdem die Trommel.
Da hüpft ein dressierter Floh davon und wird alsbald auf dem Kopf eines Besuchers entdeckt - nur ist er's nicht. Da entführt der Clown des August mondsüchtig schlafwandelnde Frau. Da macht der August einer Puppe eine Liebeserklärung und stellt sich schrecklich dumm an, obwohl der clevere Clown ihm souffliert. So erleben sie nacheinander Reinfall und Erfolg, Freude und Betrübnis, wie das so ist im Leben, gerade auch bei Clowns. Sehr reizvoll ist der schauspielerische Umgang mit der Clownsrolle: Oberdorfer, Bender, Rarster sind Clowns, doch einige Distanz haben sie sehr wohl. Das ist absolut zulässig, denn wir sind im Theater, nicht im Zirkus. Obwohl das Bühnenbild von Petra Buchholz mit seinen bunten Vorhangorgien auf fantastische Weise die Nähe einer Manege suggeriert. Die Musik aus Fellini-Filmen tut zur Verzauberung für diese Stunde ein Übriges. Und im Zuschauerraum verbünden sich, wie es sich gehört, Erwachsene und Kinder (ab4) zu einem rundum erfreuten Publikum.

 

Kölnische Rundschau, 6.2.2001

 

Bert Oberdorfer inszeniert im West-End-Theater "Clowns, Clowns ..." für kleine Zuschauer

Vom intelligenten Akrobatenfloh

Thomas Linden

Nach den Akrobaten mit ihren waghalsigen Aktionen brachten die Clowns im klassischen Zirkus-Programm das Geschehen mit ihrer Tolpatschigkeit wieder in die irdische Realität zurück. Bevor diese theatralischen Zwischenspiele mit der Welt des Zirkus endgültig in Vergessenheit geraten, zeichnete Tristan Rémy einige jener Clown-Nummern, die ohne größere Trickapparate auskamen, für die Bühne auf.
Aus diesem Fundus kleiner Szenen stellte Bert Oberdorfer jetzt acht Nummern für sein Programm "Clowns, Clowns..." im West-End-Theater zusammen, die nicht auf bloße Situationskomik, sondern auf feine Illusion und den wohlgezielten Gag setzen.
Gemeinsam mit Rudolf Zollner, Ralf Harster und Eduardo Bender spielt er die Geschichten vom einfältigen Beppo, dem Sohn Chico, dem verschlagenen weißen Clown Tonio und

Nur Unsinn im Kopf: die vier Clowns, gespielt von Ralf Harster, Eduardo Bender, Rudolf Zollner und Bert Oberdorfer (von li.), der das Spektakel nach Tristan Rémys Clownnummern auch inszenierte.

dem Stallmeister, der klüger ist, als die charmanten Spaßmacher vermuten. Man vermeint sie alle zu kennen, die Späße vom Flohddompteur, dem zertretenen Hutoder der Liebeserklärung an eine Schaufensterpuppe - und doch präsentiert sie das kleine Ensemble so frisch, dass ihr Publikum lacht, als sähe es diese Scherze zum ersten Mal. Wie bei allen guten Dingen des Lebens kommt es auch hier auf die Details und die sorgfältige Zubereitung an, und die gelingt dem Quartett in Perfektion, zumal Petra Buchholz mit ihrer in kräftigen Farben gehaltenen Bühne einen sehr geschmackvollen Rahmen

für das clowns Spektakel bietet. Aber wie es sich im kleinen West-End-Theater gehört, verlagert sich das Geschehen auch immer wieder in den Zuschauerraum, wenn etwa der mordsmäßig intelligente Akrobatenfloh gesucht wird oder einem Clown die Eintrittskarte fehlt. Die vier arbeiten nicht einfach mit Nostalgiezauber oder Slapstickeffekten, sondern reaktivieren die wunderbar verdrehte Logik der Clowns, die mit ihrer Mischung aus Voraussehbarkeit und schelmischer Überraschung sowohl das Erwachsenen- als auch das Kinderpublikum während der Premiere entzückte.

Zurück