Presse - Unerwartete Rückkehr

Theater pur Juli 2003

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Schwaches Stück gute Leistung

theater der keller, Köln

„Unerwartete Rückkehr“ Stück von Botho Strauß

Regie: Meinhard Zanger

Ausstattung: Petra Buchholz

Botho Strauß dürfte nach wie vor der meistgespielte deutsche Bühnenautor sein. Dies ist aber mit Sicherheit seinen Stücken der 70er und 80er Jahre zuzuschreiben. Strauß ist vor allem geprägt durch die Erfahrungen der 68er. Hier hat er exemplarische Stücke geschrieben, die sich mit persönlichen Gefühlen, den Schwierigkeiten von Beziehungen in Verbindung mit einer heruntergekommenen Kommunikation in unserer modernen Massengesellschaft befasst. Ende der 90er Jahre stellten viele, auch eingefleischte Botho-Strauß-Fans, einen Bruch im Stil seines Schreibens fest. Strauß philosophiert selbstverliebt und verliert sich in poetischen Manierismen.

Auch in seinem letzten Stück ist das Paar als menschliche Grundkonstellation das zentrale Thema. In „Unerwartete Rückkehr“ treffen sich zwei Paare auf dem Schlachtfeld noch nicht beglichener Rechnungen. Im Hochgebirge auf einem entlegenen Pfad treffen zwei Wanderer aufeinander. Der Mann (Dietrich Adam) erkennt den anderen Mann (Bernd Reheuser) auf Anhieb. Es ist der Geliebte seiner Frau aus früheren Jahren. Die kleine süße Rache ist ihm zur Gewohnheit geworden, und so bringt er seiner Frau (Monika Hess-Zanger) den unerwarteten Gast mit nach Hause. Aber dort trifft der andere Mann nicht nur auf seine ehemalige Geliebte, sondern auch auf die ausgeflippte junge Freundin (Joanna Praml) des Mannes. Ein ausgewogenes, lange aufgebautes Beziehungsgeflecht fliegt aus der Bahn. Das Thema bietet also Stoff für einen spannenden Theaterabend.

Den Themen ist Botho Strauß also treu geblieben. Allerdings sein Stil hat sich, wie oben beschrieben, gewandelt. Das Stück ist im Original viel zu lang. Der Autor verliert sich. Wenn es doch einen spannenden Theaterabend im theater der keller gab, ist dies vor allem den radikalen Strichen von Regisseur Meinhard Zanger zu danken und der wirklich herausragenden Leistung der vier Akteure. Zanger bringt uns durch seine Striche (es hätte vielleicht noch der ein oder andere mehr sein können), den Botho Strauß zurück, wie wir ihn kennen; konkret, ausgezeichnet beobachtend, vieldeutig und mit einer guten Portion Ironie. Die Personenführung, wie auch die Geführten selbst sind einfach klasse. Dietrich Adam spielt den Mann, der seiner Frau den Seitensprung nie verziehen hat und sie seitdem permanent nötigt, indem er ihr seine Geliebte (oder vielleicht plural?) vorführt, mit leichtem Biss, ironischer Bosheit und unterschwelliger Kühle. Bernd Reheuser gibt den anderen Mann als Typ, der lebt wie es kommt. Trotz erster Neugier, hat die Vergangenheit was Schales. Und es gibt neue Objekte, denen man sich zuwenden kann. Monika Hess-Zanger als Frau hat sich längst mit der unterschwelligen Rache ihres Gegenübers abgefunden. Sie lebt, lebt selbstbewusst, aber auch ganz bewusst an ihrem Mann vorbei. Joanna Praml gibt die junge Freundin sprunghaft mit einer gewissen Naivität und einer leichten infantilen Begeisterungsfähigkeit. Realitätsfern sind alle diese Figuren. Die nicht mehr leben, sondern das Leben nur noch nach Regeln spielen. Botho Strauß’ Spiel, des Gefangenseins in der Gesellschaft, wie des Gefangenseins in sich selbst, geht hier wieder auf. Dass dies allerdings in viel kürzerer Zeit geschieht, wie der Autor es vorschreibt und eben mit jenen Attributen, die man ihm früher zusprach: konkret, messerscharf beobachtend, mit einer gewissen Tragikomik, kann er in Köln in einem kleinen Theater bewundern.

Rolf Finkelmeier

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