Presse - Nabucco

Frankfurter Rundschau vom 8. Juni 2001:

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Das Schwert bleibt in der Vitrine

Kinderzimmeratmosphäre, nur scheinbar harmlos: Günter Krämers Wiener Erstaufführung von Verdis "Nabucco"
Von Joachim Lange

 
 

Nach einer üppig aufgezogenen Ehrung für den großen Italiener in dessen Todesmonat Januar, mit immerhin einem ganzen Dutzend eigener Opern-Produktionen aus dem Repertoire, hatte die Wiener Staatsoper noch eine Bringschuld in Sachen Verdi. Ausgerechnet das Werk, mit dem er 1842 seinen Durchbruch an der Scala schaffte und nach schwerer Krise zum Komponieren zurückfand, Nabucco (oder Nabucodnosor wie es bei der Uraufführung hieß), war hier bisher noch nie zu erleben.
Und wie für Intendant loan Holenders Haus üblich, wurde zu einem solchen Anlass in die Abteilung für exzellente Stimmen gegriffen. Leo Nucci als Babylonierkönig mit markigem und doch warmem Strömen in bewegend gestalteter Verzweiflung. Maria Guleghina als eine Abigaille mit raumfüllender Leuchtkraft und Dramatik, die sie nach der Pause mit bestechenden Piani rundete. Der Karriere der jungen Russin Manna Domashenko dürfte ihr Wien-Debüt als Fanena mit sicher geführten Mezzo einen deutlichen Schuh verleihen. Giacomo Prestia bot als Zaccaria standfeste, stimmliche Überzeugungskraft. Und auch Miro Dvorsky als Ismaele und vor allem der Chor rundeten eine Ensembleleistung deren Grundlage aber aus dem Graben kam.
Es faszinierte, was der in Berlin verschmähte Fabio Luisi mit dem Opernorchester bot. Ein weit hochgefahrener Graben und doch kein Anflug von Übertönen der Sänger, ein zwar suggestiver, aber durchweg kultivierter, gleichsam von innen, aus dem Reichtum der Musikalität leuchtender Klang ohne jede oberflächliche Effekthascherei. Luisi macht die komponierten Details hörbar, feilt an den Nuancen. Die Überwältigung als Aufscheinen und nicht als Lawinenabgang im Orchester.
Mit dieser auf musikalisch durchdachte Gestaltung setzenden Art trifft er sich mit Günter Krämers Regie. Der (Noch-)Intendant der Kölner Oper balanciert mit seiner Sicht auf Nabucco durchweg erkennbar an der Nahtstelle zwischen privater, menschlicher und politischer Ebene. Und das oft im intimen Bereich der Vorderbühne, in Rampennähe. Dort wird während der Ouvertüre eine Kinderzimmeratomsphäre angedeutet. Das Rollenspiel der Kinder aber mit Kasperletheater und Schaukelpferd ist nur scheinbar voll harmloser Unschuld. Schon hier lauert die Aggression im Normalen, die dann auch unter den Juden ausbricht, wenn sich Ismaele ihnen zuwendet. Krämer verwirft

den Ton der großen dramatischen Deutungsgeste damit von Beginn an und stimmt auf ein durchweg menschliches, heute nachvollziehbares Maß herunter. Mit seinen Ausstattern Manfred Voss und Petra Buchholz verdichtet er Handlung und Konflikte auf nahezu leerer Bühne, bei der sich nur der Rundhorizont vom tieftraurigen Schwarz bis zum unentschiedenen Aufhellen wandelt. So entstehen vor allem Bilder von ungewöhnlicher Ruhe mit sparsamen metaphorischen Verweisen. Die Insignien der Macht etwa, Schwert und Krone, bleiben immer in einer Vitrine ausgestellt. Stärker noch als in seiner Inszenierung von Halevys La Juive ist die jüdische, historische Komponente gleichsam überhöht ins Allgemeine. Und doch sind es hebräische Schriftzeichen, die sich langsam im Bühnenraum auftauen, um dann wirkungsvoll zu zerfließen, wenn sich der Babylonierkönig, der in seinem eleganten blauen Zweireiher wohl entfernt an Berlusconi erinnern soll, bei seiner Selbstausrufung zu Gott, vom Wahnsinn geschlagen wird. Hier mehr in der Dimension eines mittleren Herzanfalls. Auch den ohne jeden Anflug von Wunschkonzertpomp musikalisch in seiner Traurigkeit und Melancholie zelebrierten Va penserio-Chor lässt er für sich sprechen. Die Menschen erheben sich langsam, tragen nur Bilder von vermutlich Getöteten oder Verschwundenen mit sich, die sie dann an der Rampe ablegen. Krämer vermeidet jede optische oder spielerische Zuspitzung. Er macht weder aus Zaccaria einen blinden Fanatiker, noch aus Abigaille eine Furie der Macht. Für ihn ist Nabucco die Lear-Oper, die Verdi immer schreiben wollte. Mit der Konzentration auf das Familiendrama büßt dieser Nabucco naturgemäß auch an szenischer Dramatik ein. Die szenische Umsetzung greift gleichwohl in mancher Hinsicht erkennbar Kramers Kölner analytisch pointierte IntolIeranza-Deutung auf, wenngleich die intellektuelle Spannkraft vor allem im zweiten Teil hinter den Tableaus der Bilder zurückbleibt. Es bleibt ein Nachdenken über die menschliche Natur. Und der Teil des Wiener Premierenpublikums, der sich Oper auch jenseits von szenisch optischem Pomp und Prunk vorstellen kann, folgte dem auch.

 

Salzburger Nachrichten vom 2. Juni 2001

 

Geeignet fürs Repertoire

Man möchte es kaum glauben: Verdis beliebter "Nabucco" musste bis ins 21. Jahrhundert auf eine Aufführung an der Wiener Staatsoper warten.

DEREK WEBER

Doch die Vergangenheit kam insofern zu ihrem Recht, als die Handlung zumindest ins 20. Jahrhundert verlegt wurde.
Schon während der Ouvertüre macht Günter Krämer klar, wie seine Sicht auf Giuseppe Verdis "Nabucco" ausgefallen ist: Das Böse in der Welt - in diesem Fall: die unbeschränkte Gier nach Macht - entsteht in den Kinderstuben. Das scheint zur Zeit sein Thema zu sein, wie vor wenigen Tagen in seiner Kölner Produktion von Nonos "Intolleranza" bei den Festwochen auch zu sehen war.
Nun, so werkfremd ist die psychologische Deutung bei einem Stück nicht, in dem die böse starke Tochter (Abigaille) in einen Putsch gegen den Schwäche zeigenden Vater (Nabucco) verwickelt ist. Doch der Idee folgt die gediegene deutsche

Wertarbeit im guten wie im schlechten Sinne auf dem Fuß: Das von der Ouvertüre übrig geblichene Kasperltheater geht an geeigneter Stelle symbolträchtig in Flämmchen auf. Die Theaterjuden tragen die nämlichen, schon etwas abgegriffenen Insignien auswandernd-flüchtender Ostjuden aus dem historischen Ausstattungsfundus des 20. Jahrhunderts: Zerschlissene Koffer, abgewetzte Kinderwagen, schwarzer Hut und schwarze Männerkleider. Mit nördlicher Beharrlichkeit werden hebräische Buchstaben auf den durchsichtigen Zwischenvorhang projiziert - und an passender Stelle per Computervirus zum Absturz gebracht.
Aber Krämer wäre nicht Krämer, würde er bei aller progressiven Routine nicht auch seine Stärken zeigen: Man weiß bei ihm genau, was er sagen will. Die Ausgrenzung Ismaeles (mit lyrischer Inbrunst gesungen von Miro Dvorsky) durch seine jüdischen Volksgenossen geht bei ihm nicht in prunkvollem Ausstattungsgetümmel unter und offenbart sich als das, was sie ist: ein brutaler Akt der Aggression.

Da hat einer die Liebe vors Völkische gestellt. Raus mit ihm! Nabucco, ungemein differenziert gesungen von einem Leo Nucd in Hochform, nimmt man die Gefährlichkeit ebenso ab wie den Herzanfall, den er erleidet, wenn er sich für Gott erklärt. Andere Gestalten wie der babylonische Oberpriester (Goran Simic) und Nabuccos zweite Tochter Fenena (Marina Domashenko) bleiben allerdings so blass wie in den Weiten der Arena di Verona.
Was man als positiv ansehen könnte - die Repertoireiahigkeit der Inszenierung -, macht gleichzeitig ihre Schwäche aus: Es ist das kaum kaschierte alte Rampentheater, das sich hier prosaischer Kostüme (von Falk Bauer) bedient und vor einem leergeräumten Rundhorizont (von Manfred Voss und Petra Buchholz), in repertoiregerechte Happen portioniert, seine Urständ feiert.
Im Orchestergraben, vor der Rampe, lässt Fabio Luisi Verdis Musik in voller Lautstärke und mit beträchtlichen Wacklern und Ungenauigkeiten im Hü (sehr langsam) und Hott (äußerst hurtig) vorüberziehen. Die Lautstärke, die manchen Sänger - wie Giacomo Prestia als Zaccaria - zum Forcieren verführt, kann eigentlich nur als Plädoyer für etwas verstanden werden, was erst in den Anfängen steckt: Für einen Verdi mit Original-Instrumenten.


Nabucco in der Wiener Staatsoper mit Leo Nucci in der Titelrolle am 9. Juni um 20:15 Uhr auch in ORF 2 im Fernsehen - Bild SN/ORF/Schafler
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