Presse - Creeps

Kölner Stadt-Anzeiger vom 31.8.01

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Mit harten Bandagen

Glanz bei "Creeps" von Ömmes & Oimel
Von Oliver Cech

ÜBERLEBENSTRAINING nicht gerade leicht gemacht: Szene aus "Creeps" von Ömmes & Oimel in der Comedia.

 

Wenn das Theater dem großen Bruder Fernsehen auf die Finger hauen möchte, bleibt oft ein fader Beigeschmack zurück, allzu ungleich ist die Konkurrenz zwischen Massenmedium und Bühnenspiel. Allzu ungleich sind auch die Mittel. mit denen die Konkurrenten um ihre Zuschauer buhlen. "Creeps", die Jüngste Produktion von Ömmes & Oimel zum Saisonstart der Comedia, ruft solche Vorbehalte wach -und pulverisiert sie mit Bravour.
Drei Junge Mädchen führt Lutz Hübners "Survivaltraining fürs Fernsehstudio" in einen gnadenlosen Wettkampf. Mären, ein Post-Post-Hippie aus dem Ruhrgebiet (ein wenig weinerlich: Helga Reichert), tritt an gegen das abgebrühte Düsseldorfer Modemädchen Lilly (eine Licht-und-Schatten-Figur, glaubhaft kontrastiert von Beatrice Jean-Phillipe) und gegen Petra, ein warmherziges Naivchen aus dem Osten, höchst anrührend gespielt von Tina Seydel.
Drei Mädchen, eine Arena', das Fernsehstudio der "Trendfashion-musicshow" Creeps. Gesucht wird die Moderatorin der neuen Show, gekämpft wird mit harten Bandagen, So will es Arno, der Studioleiter, greifbar nur als zynischer Kommentator aus dem Off.

(Derartüberzeugend hat Klaus Schweitzer den Bösewicht angelegt, dass es beim stürmischen Schlussapplaus für ihn Pfiffe hagelte - auch ein Kompliment'.) "Macht's uns abgefahren", fordert Arno, und schon machen die drei Karrieremädchen sich zum Affen - Wettbewerb eben nach den Regeln der Leistungsgesellschaft, deren Menschenfeindlichkeit hier mit Schreck und Gelächter auf die Bühne kommt.
Auf den Zeigefinger leistet Hübners "Survivaltraining" Verzicht. Stattdessen überzeugt der (nicht ganz neue) Stoff durch glaubhafte Figuren, geschickten Spannungsaufbau und ein befreiendes Finale. in dem sich die Aggression der Mädchen erstmals gegen ihren Peiniger wendet. Die Sprache der Jugendlichen hat Hübner wunderbar getroffen, ganz ohne die übliche Denunziation. Andrea Gronemeyer führt die Fäden der Regie so souverän, dass sie nie zu sehen sind. Und die höchst aufwendige Produktion, mit echten Glanzleistungen in den Sparten Bühne (Petra Buchholz), Video (Wilfried Kaute) und Musik (Patrick Ehinger), gibt "Creeps" jene optische Brillanz, die der Gegenstand fordert. Wenn es dem Theater jemals gelingen sollte, die "Generation Marken-T-Shirt" auf seine Seite zu ziehen - dann mit dieser Aufrührung!

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.8.2001

 

Das Fernsehen schlägt, wen es will

Die ausgeweideten Telepuppen: "Creeps" von Lutz Hübner im Kölner Kinder- und Jugendtheater "Ömmes & Oimel"

ANDREAS ROSSMANN

Mit siebzehn hat man noch Träume. Und die reichen gerade mal bis nach Hürth und Bocklemünd, in die Produktionstempel des Fernsehens. Moderatorin bei einem Musiksender zu werden, das ist für den Teeny von heute das allergrößte. Mären, Petra und Lilly haben es fast geschafft. Ihre Bewerbungsvideos kamen so super an, daß sie zu einem Casting antanzen dürfen, um ihr Talent vor laufender Kamera zu beweisen. Die Bndrunde wird zum Existenzkampf: Tränen kullern, Nerven scheuern blank, Fäuste fliegen.
Und Arno, der als unsichtbarer Big Brother am Regiepult steht, macht sie mit schmieriger Vertraulichkeit an: "Wir wollen keine Hochglanzmodelabziehbilder, sondern Leben live, Leute, die ihre eigenen Styles flashen", strunzt und stammelt er im zynisch auf- und abgebrühten Szenejargon, "Personalities, die ihre eigene Denke haben, keine Spaßbremsen mit Plastikcharme, sondern Persönlichkeit und Präsenz."
Auf den Mund gefallen ist keine der drei. Das aber reicht nicht aus, um sich nicht die Zähne auszubeißen: Mären, der Gefühlshippy mit dem Öko-Tick und der Mondstein-Kette aus Hamm, läßt sich schnell verunsichern und verkrampft; Petra, die Arglos-Naive mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, vertraut ihrem Instinkt und weigert sich, ins Ossi-Klischee zu passen; allein Lilly, die Karriere-Schickse aus Düsseldorf mit dem Art-Director-Papi, der ihr Handy bezahlt und die Hand über sie hält, ist cool, locker und gut genug drauf für den Job. Doch sie will ihn nicht mehr, als sie hört, daß ihr Vater, dem sie verboten hatte, seinen "Arsch da reinzuhängen", die Finger im Spiel hatte: "Der soll endlich

Sie steigen nicht aus und machen die Show, die man von ihnen will: Helga Reichert, Tina Seydel und Beatrice Jean-Philippe als Teenager, die sich viel von einem Vorsprechen beim Fernsehen versprechen und aufs Jugendkreuz gelegt werden.

checken, daß ich erwachsen bin. "Die Enttäuschung befördert den Durchblick, und die drei Telepuppen proben gemeinsam den Aufstand: "Wir wollen den Job nicht'' - "Wir machen nicht mit" - "Wir haben die Schnauze voll", rebellieren sie unisono und recken den Stinkefinger. Das Medium aber schlägt, zweite kritische Volte, gnadenlos zurück: Denn als Material waren sie alle drei durchaus tauglich, hat doch Arno das Casting, die Moderationen, Interviews und Tanznummern, flugs zu einer "bunten Knabbermischung" von Videoclip vermischt, der als fetziger Trailer der Sendung vorangestellt und den Akteuren, zumindest im rough cut, auch gleich vorgeführt wird. Dafür gibt's "zwei-fünf Kralle für jeden" und: "Kommt gut nach Hau"se!" Das reicht, um die Nerven zu renovieren. Fernsehen, die totalitäre Harmoniedusche.
"Creeps", wörtlich etwa: fiese Typen, heißt die Sendung, für die sich Petra, Mären und Lilly ins Zeug legen, und "Creeps" ist auch der Titel des Stücks von Lutz Hubner, das, uraufgeführt im April 2000 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, im Kölner Kinder- und Jugendtheater "Ömmes & Oimel" die neue Spielzeit eröffnete. Das "Survivaltraining fürs Fernsehstudio" ist eine Art

"Chorus Line" im Flimmerkistenformat. Das TV ist da von vornherein die Ver-
dummungsmaschine, als die es gerne reüssiert, und was daran so verlockend sein könnte, kommt gar nicht erst vor. Eins zu eins wird die Casting-Situation abgeschildert, die Biographien blättern wie Steckbriefe auf ,die aufgeschminkten Dialoge platzen wie die Sprechblasen eines Comics, und die beiden kritischen Kurven, die die Handlung am Ende kratzt, führen geradewegs ins Gutgemeinte.
Die Inszenierung von Andrea Gronemeyer, für die Petra Buchholz ein realistisches Studio mit Screen, Sitzecke und Safttheke auf die Bühne gestellt hat,
trägt die Klischees so dick und direkt auf, daß die Mediensatire mahr als einmal nahe dran ist, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Die drei Darstellerinnen, Helga Reichert als zittrig-verzagte Maren, Tina Seydel als wonneproppige Petra, Beatrice Jean-Philippe als wendig-gewitzte Lilly, stehen dabei so voll auf ihren Rollen, dass sie die Unarten der Branche nur verdoppeln. Als das Fernsehen final zurückschlägt, wird in Köln so getan, als sei daran aber auch gar nichts zu ändern. So hat das Theater der Macht der Medienstadt seinen Tribut gezollt.

 
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