Presse - Der Streit

Kölnische Rundschau 26.11.01

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Ein Garten Eden aus dem Labor

"Der Streit" von Marivaux: Christian von Treskow inszenierte in der Kölner Schlosserei

Gebannt: Sandra Maria Schöner als Adine.
 

Köln. Natur flimmert zwar über die Monitore, doch das Landhaus des Prinzen ist abgezirkeltes Ödland ein leerer Raum in grellem Orange (Bühne: Petra Buchholz). Kein schlechter Ort für jenes zynische Experiment, das Pierre Garlet de Marivaux Einakter "Der Streit" von 1744 schildert: Ein gelangweilter Prinz und seine Geliebte wollen herausfinden, ob Männlein oder Weiblein für Untreue in Liebesdingen verantwortlich sind. Da trifft es sich gut; dass' des Prinzen Vater vor 18 Jahren je
zwei neugeborene Knaben und Mädchen trennen und unter Aufsicht eines Dienerpaars aufwachsen ließ. Nun sollen die Vier aus ihrem künstlichen Garten Eden in paradiesischer Unschuld aufeinander losgelassen werden. In Christian von Treskows Kölner Schlosserei- Inszenierung riecht der Laborversuch von Anfang an nach Frankenstein-Frevel. Prinz und Hermiane werden von weißbekittelten Pflegern hereingerollt, die auch die Kinder per Sackkarre anliefern. Verblüfft bei Marivaux der nahtlose Übergang vom grausamen Rahmen zum galanten Inhalt, so glaubt von Treskow der perlenden Rokoko- Konversation zunächst kein Wort.
Zuerst schütteln sich seine vier sprachlosen Roboter die Starre aus den Gelenken, dann nimmt die straff choreografierte Inszenierung Tempo auf. Ein Tänzer-Quartett wird von der Triebfeder geschnellt: Zeitgleich sprinten Eglé auf Azor und Adine auf Mesrinzu, finden sich in Sprüngen, Hebefiguren, intimen Posen. Die Bühne als erotisches Magnetfeld. Ganz lässt sich dieses atemlos - simultane Körperballett nicht durchhalten - irgendwann

beginnt das Geplänkel. Darin fällt den gefallsüchtigen Frauen der ergiebigere Part zu, wobei von Treskow schöne Bilder für Selbstbespiegelung und Narzissmus findet.
Auch wenn keine psychologischen Finessen verlangt werden - die Mechanik von Begehren, Überdruss und Untreue wird amüsant ausgespielt. Nicoline Schubert treibt als quirlig kesse Eglé die Eigenliebe naiv auf die Spitze, die schwerblütigere Sandra Maria Schöner kontert als Adine überraschend bissig. Azor (Sebastian Heumann) und Mesrin (Kristian Erik Kiehling) kaum mehr als Trophäen im Schönheitswettstreit der Frauen, bleibt da nur stumme Athletik. Man boxt und springt; taumelt gedankenlos zur anderen Partnerin. Prinz (schnöselig-skurril: Heinrich Baumgartner) und Geliebte (schon blasiert: Angelika Krautzberger) sehen's als mäßigfaszinierte Voyeure und entscheiden in Sachen (Un-)Moral der Geschlechter auf "Unentschieden"
Das läppische Patt betont noch das Monströse des Experiments, in dem Maren Schlüter und Johann Camut als Ersatz Elternrecht brutale "Fürsorge"
praktizieren. So bleibt die dunkle Hintergrundmusik der Inszenierung stets hörbar, die an Züchtungstechniken und andere Exzesse im "Menschenpark"" denken lässt, Marivaux-Puristen dürfte diese respektlose modern sportive Variante verstören doch der kurze, starke Abend hat den Applaus verdient.

 

Kölner Stadtanzeiger 26.11.01

 

Liebe im Labor

"Der Streit" von Marivaux in der Kölner Schlosserei

Das Untreue-Experiment
in kritischer Sicht: künstlich,
körperlich, tödlich

VON SUSANNE STAERK

Alles rot. Die Bühnenwände, der Boden, die Saaleingänge, selbst die Seiten. im Zuschauerraum. Nicht als Rot. Nicht Blutrot. Auch kein Liebesrot, kein Herzblutrot. Nein greller, schriller. Ein irres, einhysterisches Rot. Und das Publikum sitzt mitten drin; mitten in diesem Wahnsinnsrot. So kann keiner am End sagen, er habe doch bloß zugesehen. Denn Zuschauer sind auch der Prinz und Hermiane. Ohne Beobachter kein Experiment.
Alles arrangiert. Die isolierte Kindheit der Probanden, die ersten Rendezvous. Und alles überwacht So will es Pierre Carlet de Marivaux in seinem Stück "Der Streit" Künstlichkeit, um die Natur zu erforschen. Die Natur von Mann und Frau - als Mann und Frau. Genauer: den Ursprung der Untreue. Welches Geschlecht brachte die Untreue in die Welt? An dieser Frage hat sich ein Streit zwischen dem Prinzen und Hermiane entzündet. Und er verspricht ihr nun den Beweis.
Auf Gepäckschiebern werden die Versuchsobjekte von zwei Assistenten in sterilem Weiß ins grellrote, von Petra Buchholz entworfene, Kölner Schlosserei-Labor gekarrt. Vier in Folie verpackte Gegenstände. Leblos, bis vierknallrote wandernde Leucht- elektroden sie synchron mit Energie aufladen. Roboterhaft setzen sie sich nun in Bewegung. Mechanisch funktionierende Materie - bis sie in kleinen Bodenspiegeln ihre Spiegelbilder entdecken. Und sich in sich selbst verlieben.

Im roten Labor: Big Brother Prinz is watching you.

.Mit der Vergötterung des Ich fängt hier das Leben an.
Doch wehe, wenn sie losgelassen. Kaum sind die Triebe und Gefühle erwacht, beherrschen sie das ganze Wesen. Und rechen ungehemmt hervor. Physisch, nicht rhetorisch. Der Mensch ist hier zunächst ein Tier, triebgesteuert. Deshalb hat Regisseur Christian von Treskow vor allem am Anfang viel Text gestrichen. Das ist in dieser körperlich-künstlichen Inszenierung keinVerlust. Zumal seine vier jungen Interpreten von Eglé und Azor, Adine und Mesrin physisch sehr präsent sind. Nur hätte man sich mitunter eine überraschendere Körpersprache erhofft; manchmal sind die Gesten der Annäherung oder Abweisung doch gar zu nahe liegend.
Verlierer des Abends sind die Frauen. Das hat Marivaux schon so angelegt, doch in Köln wird das recht grell konturiert. Zwar erweisen sich alle vier, Männer wie Frauen, als untreue Wesen. Die Frauen aber präsentieren sich zudem als eitles, selbstverliebtes, hysterisches Geschlecht. Und in Köln fühlt man sich da zuweilen an das medieninszenierte Gekreisch dreier deutscher Party Puppen erinnert.
Anders aber als bei Marivaux kommt hier zum Schluss kein drittes, treues Paar hinzu.

Hier gibt es keinen letzten Strohhalm, um trotz allem an Treue zu glauben. Und anders als im Original bleiben die Ebenen am Ende streng getrennt. Der hier querschnittgelähmte Prinz mit dicker Brille, den Heinrich Baumgartner als skrupellosen Wissenschaftler und Zugleich lustvollen Voyeur vorstellt, und die von ihm umworbene Hermiane, die Angelika Krautzberger in Abendrobe mit Opernglas als genervte Theaterbesucherin gibt, bleiben für die Liebesgetriebenen unsichtbar. Das unterstreicht konsequent den Laborcharakter. Und betont die Fragwürdigkeit - dieses. zynischen Menschenversuchs.
Im Kölner Labor endet das Experiment tödlich. Als die Beobachter abgetreten sind, versinken die Liebesversuchsobjekte in ihren eigenen Spiegelbildern, bis sie darin ertrinken. Sie sehen sich, moralisch missbraucht und so narzisstisch verblendet, an sich selbst zu Tode. Mit dieser Untreue gegenüber Marivaux, bei dem am Ende keiner stirbt, bleibt von Treskow jedoch seinem Ansatz treu: Dieses Experiment ist - wie es das irre Rot verriet - ein Wahnsinn.

 
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