Presse - Arabische Nacht

Süddeutsche Zeitung 21.1.02

Zurück

Mit Schaumstoff-Bezug

Günter Krämer inszeniert im Kölner Schauspielhaus Schimmelpfennigs "Die Arabische Nacht"

 

 
 

Köln - Das Hochhaus existiert nicht
mehr: Ground Zero im Kölner Schauspielhaus. Nichts geht mehr , aber möglich ist alles. Der Lebensraum, über den Roland Schimmelpfennigs "Arabische Nacht" heranbricht, wurde aufgehoben zu Gunsten des Lebenstraums, der während dieses seltsamen Stückes im Kopf der Figuren spukt.
Das Wasser ist versiegt, irgendwann und irgendwo in Etage Sieben des Wohnblocks, versickert in dieser Wüste aus Stein. Der Aufstand der Dinge richtet sich gegen die Menschen, die sich verfehlen und einander Schlimmeres antun: Kuss oder Mord. Der Fahrstuhl bleibt stecken, eine Tür fällt ins Schloss, ein Mann findet sich mit einem Mal in einer Flasche Kognak wieder, als habe ein bezaubernder Dschinn ihn da hinein gezwinkert, und der Hausmeister, der das ominöse Leck sucht, verliert die Orientierung. Die einzige Quelle, die jetzt noch tröpfelt oder sprudelt, ist die Sprache.
So kann man's auch machen: aus Schimmelpfennigs "Arabischer Nacht" eine Etüde, als sei das Ganze eine Gedankengaukelei - eher Hirn- als Leitungsschaden - und nicht auch~ ein Treppenhauswitz. Kein Auf und Ab-Slapstick wie am Theater Oberhausen, kein Schlafwandeln zwischen den Pritschen eines I Asyls wie am Schauspiel Leipzig, keine poetisch - pantomische Imagination wie im Bochumer Prinz - Regent -Theater, sondern zunächst eine szenische Lesung vor dem Eisernen Vorhang mit nichts als Stühlen für fünf Schauspieler, denen allein Lichtkegel Obdach geben.
Günter Krämer will den träumerischen Text in seiner Illusionskraft sich bewähren lassen und auf seine Tauglichkeit hin überprüfen. Deshalb hat er ihm zerlegt, entmaterialisiert, von seiner figürlichen Folie gelöst. Die Dekomposition einer kleinen Nachtmusik, die es sehr genau nimmt mit den Tempoangaben, die Beschleunigung und Verlangsamung kennt und die Klimax des Stückes beachtet. Die filmische Montagetechnik und die Short cuts des Autors übersetzen sich so in verbale Parallelaktionen - Schimmelpfennig beinahe ein Enkel der Wiener Schule von Jandl und Artmann?
Krämer wagt auf dem Theater wieder was, lässig-souverän, ästhetisch risikobewusst und weit weniger verbindlich und schnieke als früher. Bereits erkennbar in den ungleich gewichtigeren Werkstatt Abenden mit Büchners

"Leonce und Lena " als radikaler Kopfgeburt und Shakespeares "Richard III.", den er als Aufbruch der Menschheit zurück in die bestialische Vorgeschichte inszenierte, auf dass der Prozess der Zivilisation als Polit-Farce in Adenauers Bonner Republik endet. In "Die Arabische Nacht" nun zügelt er die Fantasie, abstrahiert und reduziert. Das Stück verschattet und scheint doch licht und durchlässig. Es schwebt - intelligent, entspannt und humorvoll - ins Imaginäre.

Alles wacht, eine träumt: Franziska Dehke, die medizinische Laborantin. Während Peter Karpati (Tim Grobe), der Voyeur von nebenan, bei ihrem Anblick wichst, wandert die arglose Schläferin zurück in ihre Kindheit: in einen Basar Istanbuls, wo die Sechsjährige ihre Eltern verlor und von einem Scheich in dessen Harem entführt worden sein will. Hier öffnet sich die Tiefe des Bühnenraums und zeigt, dass Träume Schäume sind. Das Quintett macht nun mobil und erobert sich einen Freiraum, der sich erst mit der traumlogischen Inspiration auftat. Die Welt scheidet sich eben in Wunder und Wirklichkeit.
Ingrid Andree als Franziska beginnt zu fabulieren wie eine orientalische Märchenerzählerin, Scheherazade und Seeräuber - Jenny in einer Person; im Parkett hebt der Singsang kehliger Stimmen an; eine Trommel schlägt dazu ihren trockenen Ton. Franziskas Traum gebiert die Unvernunft der anderen: Hausmeister Lomeier (Ulrich Beseler) legt seine graue Kittel - Existenz ab. Kalil (Uwe Moritz Eichler), der nur wie gewohnt seine Freundin Fatima besuchen wollte, wird unfreiwillig zum Womanizer und die eifersüchtige Fatima (Gunda Aurich) deshalb zur Mänade.
Das Haus der Spiele ist immer auch ein Ort der Gefahr - mag es dort noch so schön sein und eine rote Sonne über einer weiß - flockigen Wüste (Ausstattung Petra Buchholz) untergehen.
Am Ende der meditativen Märchenstunde, nach 90 Minuten, hat Günter Krämer in Schimmelpfennigs Abramakabra die letzte Wahrheit gefunden: Magic moment, Metamorphose des Alltags. Die Darsteller tauchen ab in der Versenkung der vorderen leeren Parkettreihen und werden durch andere Akteure ersetzt.Aufs Neue beginnen sie die unendliche Geschichte zu erzählen. Wir spielen immer. Wer es weiß, ist klug.

AND REAS WILINK

 

Kölner Stadt-Anzeiger, 21.1.2002

 

Die Rote Sonne in der Wüste: Hausmeister Hans Lomeier (Ulrich Beseler) ist hin und weg.

Der Traum aus Schaum

Roland Schimmelpfennigs "Arabische Nacht" im Kölner Schauspielhaus

Günter Krämer inszeniert ein Spiel der Monologe um enttäuschte Hoffnungen

VON MARTIN OEHLEN

Endstation Sehnsucht: Die Menschen im Hochhaus von Irgendwo eint ein Schicksal der traurigen Art - ihre Träume sind auf Erden nicht zu realisieren. Nicht die ewige Liebe und nicht der schnelle Sex, nicht der Frieden in dei Wüste und nicht die Flucht in die Vergesslichkeit. Einer nach dem anderen landet auf dem Boden der Tatsachen, in einer messerbedingten Blutlache oder zerschlagen inmitten von Flaschenglassplittern. Selbst die Romanze, die sich zwischen Franziska und Hausmeister Lomeier entspinnt, scheint so wackelig wie beider Stand in den Sitzreihen des Kölner Schauspielhauses.
Dort hatte Roland Schimmelpfennigs Stück "Die Arabische Nacht" Premiere, das seit einem Jahr im Theater-Umlauf ist. Kölns Generalintendant Günter Krämer hat das Stück ursprünglich in der Schlosserei inszenieren wollen, dann aber - als ein Akzent seiner kleinen Programm - Revision nach
den Anschlägen in den USA - auf der großen Bühne platziert. Und tatsächlich meint man der Inszenierung anzumerken dass sie zunächst einmal; für ein kleineres Ambiente konzipiert war. Die Ausflüge in den Bühnenhintergrund wie auch in den Zuschauerraum hinein blasen die Aufführung zwar auf. Doch schlägt der Puls auf einer dünnen Linie vor dem eisernen Vorhang.
Auf fünf Stühlen sitzen dort die Helden des Abends: Lächler Lomeier, Träumerin Franziska, Liebhaber Kalil,

Stückbrief

Autor: Roland Schimmelpfennig
Regie: Günter Krämer
Bühne und Kostüme: Petra Buch-
holz
Licht: Klaus Welz
Hauptdarsteller: Ingrid Andree,
Gunda Aurich, Ulrich Beseler, Uwe Moritz Eichler, Tim Grobe

Lippen berührt, darf sich auf etwas gefasst machen: Herr Lomeier landet in der Wüste, der "treue" Kalil wird von den Frauen des Hochhauses gnadenlos angelockt, und Karpati strandet als Winzling in einer glücklicherweise nur gering gefüllten Cognacflasche, die dann aber unglücklicherweise ein paar Stockwerke tief gen Boden fällt.
Ja, amüsant ist die Inszenierung auch. Dies ist zumal der Fall, wenn Andree sich um Uwe Moritz Eichler windet oder wenn Tim Grobe in der Flasche zappelt und den Erzähl-Stil des Stückes nachäfft. Ein konzentriertes Ensemble ist dies, dem sich kurz vor dem Finale noch sechs weitere Akteure hinzugesellen. Sie kriechen aus dem Zuschauerraum - ja, wir sind gemeint - auf die Bühne und nehmen die Plätze derer ein, die gerade das Weite oder den Tod gefunden haben. Es geht immer weiter mit dem Hoffen - und mit den Enttäuschungen auch. Die Realität sieht eben anders aus als in den Märchen aus tausenduneiner arabischen Nacht.
Träume sind Schäume - und dafür findet Krämer das prächtigste Bild des Abends. Da hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf die ganze Menschheit, die auf ihren Stühlchen sitzt, während um sie herum der Schaum glitzert und über ihr der Himmel verhangen ist.
Starker Beifall für eine Inszenierung, die aller Strenge zum Trotz zunehmend poetisches Potenzial freisetzt. Den Nachweis, dass sie im Schauspielhaus besser untergebracht ist als in der Schlosserei, hat sie nicht erbracht. Aber sehenswert ist sie gleichwohl.

Rächerin Fatima und Voyeur Karpati. Es beginnt mit einem ausführlichen akustischen Kammerspiel: Ein Gewirr der Stimmen wabert durch den Raum, aus dem mal die eine und mal die andere Rede herausdringt so dass sich allmählich klärt, wer mit wem in diesem Hochhaus der Einsamkeit auf welche Weise verbandelt ist. Lauter Monologe sind das. Nur
wenn einer "Hallo?" in den Saal hineinruft, sind alle anderen still oder stimmen ein. .Ein Hauch von Beckett "Hallo?" Kein Gruß ist das, sondern die so bange .wie erwartungsvolle Frage, ob da noch jemand sei. Doch keine Antwort schallt zurück.
Endlich, beim Stichwort "Sonnenuntergang" geht das Licht im Zuschauerraum aus, das alle einbezog in die Welt, die dort erzählt wird. Und erzählt wird weiterhin, wenn auch mit neuern Stoff: Die Krisen, die wie aus dem Nichts heraus die Szenerie beleben, werden in Worte gefasst, auch in Gestik und Mienenspiel. Doch den Aufzug, in dem Kalil stecken bleibt, sieht man ebenso wenig wie all die anderen kleinen und größeren Katastrophen.
Diese werden wesentlich befördert von Franziska, die Ingrid Andree mit sehr wacher Verträumtheit spielt. Drei Küsse in eine andere Welt vergibt die Frau, die sich als Geliebte des Scheichs
Al Harad Barhadba träumt, auf der ein Fluch lastet. Wer Franziskas

Zurück